Die Körpermechanik des Pferdes

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Die Körpermechanik des Pferdes

Alle starren auf tolle Bewegungen, alle bewundern tolle Bewegungen, dabei vergisst man leicht, wie kompliziert es für das System des Körpers ist, bis die einfachsten Bewegungen entstehen können. Und natürlich auch wie leicht Bewegungen kaputt gehen können und wie verletzlich sie sind.

Die Umweltbedingungen der Natur, die die Bewegungsvielfalt entstehen lassen. sind längst nicht mehr ausschlaggebend für das Überleben des Pferdes. Und doch ist ein bewegungsloses Leben keine Option, dass sagen uns einstimmig Biologen, Mediziner und Psychologen. Es führt zu Chaos, Langeweile und pathologischen Zuständen. Und ist deshalb für den Selbsterhaltungstrieb des Pferdes überlebenswichtig.

Aber schon das antike Gleichgewichtsprinzip von Diokles, sagte uns, dass es für die Gesundheit besser ist, die Kraft  des Körpers nicht durch eine andere Kraft schwächen zu lassen, und dass ein regelmäßiger Wechsel von Aktivität und Ruhe der Gesundheit, dem Spaß und dem Energiehaushalt förderlich sei. Was ist also dran an der jahrhundertealten Tradition das Pferd zu dressieren.

Äußere Dressur und innere (Selbst)-Dressur

Um den Bewegungen des Pferdes eine „natürliche“ Anmut und Dynamik zu verleihen, bedarf es mehr als bloßer technologischer Kenntnisse. Erst durch wiederholte Übung, durch Dressur (abrichten) lernt das Pferd sich in angelernten Bewegungen auszudrücken. Je öfter und länger eine Geste trainiert wird, desto geschmeidiger und „natürlicher“ sieht die künstlich angelernte Bewegungen am Ende aus. So oder ähnlich, beschreibt die Pferdeausbildung einen Vorgang, der unzählige Macharten, Ausprägungen, und Theorien entwickelt hat. Aber ist das wirklich so? – oder schädigen die körperfremden Wiederholungen den Pferdkörper?

Das schauen wir uns an!

„Die Dressur (ich nehme diesen Sammelbegriff für alle von außen angelegte Handlungen)ist ein Abrichten eines anderes Lebewesens, indem man bestimmte Handlungen, bestimmt Gesten oder Bewegungen wiederholen lässt.“
Dadurch dass man immer wieder (auch mechanisch) auf die Bewegungen oder das Verhalten des Pferdes einwirkt, trainiert man ihm die neue Art des Bewegens und des Verhaltens an. Geschieht dies nur lange und regelmäßig genug, erscheinen dem Pferd und dem Menschen die Bewegungen als „natürlich“ als gewohnt.

Dabei wird jede Bewegung zergliedert, jeder einzelner Körperteil wird trainiert, bis der Bewegungsablauf – die Lektionen – am besten passen. Der Körper des Pferdes wird auf die Forderungen des jeweiligen Unterrichtes angepasst. Damit sich das Pferd bewegen kann, reicht es nicht nur den Kopf hoch oder runter zu machen, oder nur die Hinterhand trainiert. Der Körper des Pferdes verändert sich unter dem Einfluss des Menschen.

In der Dressur wird ein neuer Pferdekörper geschaffen – ein trainierter Körper, der dem Reiten angepasst ist. Und an „Natürlichkeit“ eher zu- als abnimmt. Aber diese „Natürlichkeit“ ist im Grunde eine Form der Unterwerfung: Der Körper des Pferdes wird dem Menschen untertan gemacht, der maximalen Gewinn aus dem Pferdekörper zu ziehen versucht.

Das Wesen der Dressur beruft sich nicht auf den Naturzustand, sondern auf ein intensivers Training, nicht auf ursprüngliche Bewegungen, sondern auf dauernde Zwangsverhältnisse, nicht auf Verbindung sondern auf endlos fortschreitende Abrichtungen, nicht auf Gemeinsamkeit, sondern auf die automatische Gelehrigkeit und Fügsamkeit des Pferdes.

Und tatsächlich, je tiefer sich die erlernten Bewegungen in den Körper einschleifen und einprägen, desto normaler empfindet sich das Pferd, dass es damit über Fähigkeiten verfügt, die es vorher nicht hatte (z.B. einen Seitengang). Körper und Psyche des Pferdes handeln automatisch wie von einem Piloten gesteuert. Ein  willenloser Spielball der „Macht“ des Menschen, die dem Pferd Zucht, Ordnung, Gehorsam und Disziplin aufzwingen.

Es ist ein deprimierendes Bild der „modernen“ Reitgesellschaft, in denen die Dressur des Pferdes auf die vielfältigste Weise eingesetzt wird, um das Pferd gemäß ein gerade vorherrschenden Trends zu Bewegungen zu kneten. Auch die Ansicht, dass wiederholte, künstliche Bewegungen eine Art „Reitkunst“ hervorbringen sollen, tauchen im Zusammenhang immer wieder auf.

Mit anderen Worten: die Dressur des Pferdes besteht aus der Unterwerfung des Pferdekörpers unter einem permanenten Zwang und aus einem unaufhörlichen Training. Beides dient der Absicht, den Körper des Pferdes in ein gehorsames Pferd zu verwandeln. Das Leben des Pferdes findet im Training und in seinem langweiligen Alltag von Box oder Offenstall stall statt. Das Pferd lernt unter dem Einfluss der Dressurmittel, sich selbst als nicht ausreichen zu halten, weil der Mensch es nicht so annimmt wie es ist, und beginnt sich dem Menschen zu unterwerfen, in der Hoffnung es besser zu machen.

Es ist ein deprimierendes Bild der „modernen“ Reitgesellschaft, in denen die Dressur des Pferdes auf die vielfältigste Weise eingesetzt wird, um das Pferd gemäß ein gerade vorherrschenden Trends zu Bewegungen zu kneten. Denn auf jedem Fall werden dem Pferd künstliche Bewegungen abverlangt, die es entwicklungs- oder persönlichkeitsbedingt (noch) nicht leisten kann.

Auch die Ansicht, dass wiederholte, künstliche Bewegungen eine Art „Reitkunst“ hervorbringen sollen, tauchen in dem Zusammenhang immer wieder auf. Aber auch wenn sich dann das Pferd schlussendlich verweigert – sein volles Recht übrigens, wenn es Bewegungen ausführen sollen, die gegen seinen Körper gehen –  unterstreicht der Mensch seine Dominanzposition, indem er den Widerstand des Pferdes sanktioniert – bis das Pferd begreift, dass es an den Machtverhältnissen nicht rütteln kann – und eine gemeinsame Verbindung nicht möglich ist.

Mich stört am meisten die Aussichtslosigkeit in diesem Hamsterrad, in der das Pferd ist. Ein Pferd ist sicher nicht aus Zucker, und es möchte gefordert werden, aber wenn die Bedingungen und die Bewegungen seines Lebens derart festgelegt sind und werden, ist das Pferd nur noch eine Marionette in der Hand des Pferdes. Der Mensch vergisst, dass sein Leben nicht nur aus Disziplin und Gehorsam und erlernten Bewegungen besteht, er vergisst das savoir-vivre des Pferdes, sein angeborenes Wissen, wie es leben sollte, was für das Pferd eine nicht zu verachtende Rolle spielt.

Dennoch gibt es Hoffnung, dass es uns möglich ist, aus diesem ewigen Kreislauf über Generationen hinweg überlieferter Einseitigkeit und Gleichgültigkeit herauszufinden. Nämlich dann, wenn es uns gelingt dem Pferd seinen Körper wieder zu geben. Aus diesem Grund finden sie in Teil III der Webseite die Schritt-für-Schritt Anleitung, um das Pferd in seine Biomotorik zu bringen.

Worin unterscheidet sich die Dressur von biomotorischen Bewegungen? Bedeutet das Pferd in seiner Biomotorik tatsächlich mehr Freiheit in seinen Handlungen?

Biomotorik – die Zusammenschaltung von Körper und Bewegungen

Die Zusammenschaltung von Körper und Bewegungen – die innere „Dressur“ – zielt auf die beste Beziehung zwischen Bewegung und der Körperplastizität des Pferdekörpers. Ein bewegungsfähiger Körper ist der Ausführer einer leistungsstarken Bewegung. Biomotorik bedeutet deshalb nichts anderes als die natürlichen Kräfte des Pferdekörpers optimal zu nutzen.

Die Biomotorik basiert nicht auf der Gehorsamkeit des Pferdes gegenüber dem Menschen, sondern durch Aufmerksamkeit für sich selbst, auf seine Bewegungen und Funktionalitäten, den eigenen Körper und die Außenwelt und seine direkte Umgebung, durch seine Wahrnehmung und seine Sinne. Deshalb steht auch die Frage, wie man die Beziehung und die Handlungen zum Pferd gestalten soll im Mittelpunkt des biomotorischen Trainings. Die körperliche Eigenwahrnehmung wird immer als Ziel gesetzt und beschließt anhand dieses Ziels, mit welchen Übungen man die angestrebte Veränderung erreichen kann.

Die Zielsetzung des biomotorischen Trainings besteht nicht darin „die Bewegungen in seinen Leistungen auf das Äußerste zu steigern“ sondern es soll „es vielmehr in den angelegten Möglichkeiten und Fähigkeiten so vielfältig und angenehm wie möglich zu machen“. Dadurch erhalten die Bewegungen ihren Wert zurück.